BVM-„Überregionalabend“

Im Verlaufe der Pandemie hat Corona nicht nur den Bedarf an Toilettenpapier, Pasta und Atemschutzmasken in ungeahnte Höhen katapultiert, sondern auch den Wunsch nach zwischen­menschlichem und fachlichem Austausch. Die „Frankfurter“ (Regionalgruppe Rhein-Main), in Person der Regionalgruppenleiter Susanne Stahl und Christian Holst, hatten gerufen und – in der Spitze – waren über 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Einladung gefolgt. Das Thema „Quo vadis Marktforschung – Wie geht es weiter?“ lockte dabei auch erkennbar viele Institutsgeschäftsführer und -inhaber (und hier mal das generische Maskulinum als Stellvertreter) in die Videokonferenz.

Das Podium war kenntnisreich und kompetent besetzt: Andera Gadeib von Dialego konnte zunächst berichten, dass der Digitalisierungsschub in der Marktforschung, es ihr und anderen reinen Online-Forschern nun nach vielen Jahrzehnten ermöglicht hätte, das Label „Online-Startup“ abzulegen und nun endlich bei den „Etablierten“ angekommen zu sein.

Peter Kauz von Statista machte den Teilnehmern anschaulich klar, was exponentielle Datenexplosion bedeutet. 220mal von der Erde zum Mond und zurück würde das auf CDs gepresste „Wissen“ der Menschheit reichen.

Sven Arn von Happy Thinking People blickt auf eine 30jährige Karriere zurück und betonte, dass auch heute noch trotz Algorithmen, KI und Big Data der entscheidende Mehrwert unserer Branche das persönliche Gespräch über Forschungsergebnisse zwischen Kunden und Agentur sei.

Holger Geißler von marktforschung.de machte einleitend darauf aufmerksam, dass in den letzten Jahren viele Entwicklungen außerhalb unserer Branche entstanden seien, die beteiligten Firmen sich in der Selbstwahrnehmung jedoch nicht als Marktforscher verstehen würden und die Berufsverbände die Chance verpasst hätten, eine Öffnung in neue Anwendungsfelder proaktiv zu gestalten.

Christian Holst addierte nüchterne Fakten: während Arbeits- und Anwendungsfelder der Marktforschung in den letzten Jahren explodiert sind, sank in Deutschland die Anzahl der Institute und die Zahl der in der Branche Beschäftigten.

Ausgehend von diesen Einleitungsstatements entwickelte sich ein munterer Dialog. Von der Frage ob man als Marktforscher in 10 Jahren noch einen Job habe, welche Kunden welche Art von Marktforschung in der Zukunft nachfragen würden und wie ein Institut sich aufstellen müsse, um fit-for-future zu sein. Wer eine Art „Weltformel“ als Lösungsrezept erwartete, musste angesichts zeitlicher Restriktionen und Komplexität des Themas natürlich enttäuscht werden, dennoch gab es viele spannende Impulse: von der besseren Vermarktung der eigenen Leistung bis hin zur Ausschöpfung neuer Wertschöpfungspotentiale. Etwas zynisch darf man als Teilnehmer mit ebenfalls drei Jahrzehnten Berufserfahrung jedoch anmerken: Teile dieser Diskussion haben wir bereits vor vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten geführt, so dass schon die Frage erlaubt ist, warum die Selbstvermarktung und die Arbeitsschwerpunkte vieler Institute auch heute noch eher brav und bieder daherkommen. Die Schnelligkeit der digitalen Disruption wird der Branche nun keine weiteren Jahrzehnte geben, um ihren Platz im globalen Daten- und Informationszirkus zu finden. Und nein, diese Frage ist schon längst beantwortet: das in der Diskussion gewünschte „New Labeling“, vom angestaubten Marktforscher zum „Consumer Insights Manager“ wird allenfalls Selbstwert- aber keine Branchenprobleme lösen.

Andera Gadeib ließ es sich nicht nehmen, den Teilnehmern abschließend Mut zu machen. Weg vom Risiko vermeidenden Handeln, hin zur einer Haltung, die Chancen sucht und einfach „größer denkt“. Insgesamt scheint die Branche die Herausforderungen der Zukunft verstanden zu haben, so dass ein Teilnehmer etwas lakonisch, aber nachvollziehbar postete: „Die Marktforschung ist tot – Es lebe die Markforschung“. Danke an die Organisatoren, trotz der schweren Thematik am Ende ein inspirierender und vergnüglicher Abend, was nach wie vor schmerzlich vermisst wird, ist das Networken danach, so dass pünktlich um 20.00 Uhr wieder jeder in „seinen“ Lockdown zurück „konnte“.


Von Dirk Frank